Bittere Niederlage für Mörgeli

Foto: KeystoneDer Polit-Betrieb ist zuweilen unerbittlich: Am schönen Strand von Teneriffa erfuhr der Zürcher SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli von seiner Abwahl.

Aargauer Zeitung / 19-10-2015, zum Printartikel

Die Abwahl könnte brutaler nicht sein: Für seine Parteikollegen ist der 18. Oktober ein Freudentag – ein historischer Siegeszug. Für Christoph Mörgeli ist es der düsterste Tag seiner Karriere. Nach 16 Jahren im Nationalrat, nach drei Wiederwahlen 2003, 2007 und 2011 muss er nun seinen Sitz räumen. Ein tiefer Fall: Der SVP-Vordenker stürzt in die politische Bedeutungslosigkeit.

Gerechnet hatte niemand damit. Doch am Sonntag zeichnete sich bereits früh ein Trend ab, der sich mehr und mehr bestätigte: Mörgeli, der auf dem zweiten Listenplatz startete, wurde nach hinten durchgereicht – und landete abgeschlagen auf einem hinteren Platz.

Parteikollegen sind überrascht

Seine Abwahl erfuhr der 55-jährige Zürcher am Strand. Auf Teneriffa wollte er mit seinen beiden Kindern entspannte Tage geniessen, schrieb «Blick.ch». Kantonalpräsident Alfred Heer informierte Mörgeli telefonisch über die Niederlage, viel hätte dieser aber nicht gesagt.

Überrascht sind auch seine Parteikollegen: Gemeinsam mit Mörgeli ging Thomas Matter (SVP/ZH) auf Wahlkampftour. Unter dem Motto «Zmörgeli mit Mörgeli» und «Ghackets mit Matterhörnli» luden die beiden etwa zum Brunch ein. «Zu den Veranstaltungen kamen immer viele Leute», sagt der wiedergewählte Matter. Umso mehr erstaune es ihn, dass es für Mörgeli nicht gereicht habe. «Ein grosser Verlust für die gesamte Politlandschaft», sagt Matter. Was das nun für die Partei bedeutet, wollte er gestern aber noch nicht kommentieren.

Auch Mörgelis parteiinterne Lieblingsfeindin Natalie Rickli äusserte sich zur Abwahl ihres Parteikollegen: «Ich dachte schon, dass er nach hinten fällt – aber nicht so.» An den Anlässen im Wahlkampf habe er jeweils viel Applaus erhalten. Rickli geht aber nicht davon aus, dass Mörgelis Abwahl die Partei durchwirbeln wird. «Mit Roger Köppel kommt jemand ins Parlament, der vom Stil und Inhalt ähnlich politisiert.»

Eine Welle des Spotts

Drei Tage zuvor gab sich der SVP-Nationalrat noch unbeschwert. Im Interview mit «Blick» antwortete Mörgeli auf die Frage, wer denn sein Vorbild sei, mit folgendem Satz: «Benjamin Fischer, der Letztplatzierte auf der Zürcher SVP-Nationalratsliste. Denn ich habe grosse Hochachtung vor jenen, die auf aussichtslosen Plätzen engagiert mitkämpfen.»

Nun landete Mörgeli also selber auf einem aussichtslosen Platz. Auf Twitter löste seine Abwahl eine Welle des Hohns und Spotts aus: «Heute geht das Sünneli schon am Mörgeli unter», schrieb jemand. Oder: «Mörgeli staubt in Zukunft die Anker-Sammlung eines bekannten Kunstsammlers ab.» Oder: «Fachkräfte kommen und Fachkräfte gehen.»

Der letzte Tweet spielt auf Mörgelis Facebook-Post an – der landesweit Empörung auslöste. Im August veröffentlichte der SVP-Mann ein Bild, das ein völlig überfülltes Schiff mit Flüchtlingen zeigte. Der Text dazu: «Die Fachkräfte kommen.» Das Bild stammt aus dem Jahr 1991, als zahlreiche albanische Migranten in der italienischen Stadt Bari ankamen.

Skandale häuften sich

Der Facebook-Post ist insofern symptomatisch, als dass Mörgeli in jüngerer Vergangenheit öffentlich vorwiegend durch Skandale auffiel: Da wäre der bekannt gewordene «Rundschau»-Auftritt und da wäre die Affäre um das Medizinhistorische Institut der Universität Zürich. Am 11. September 2012 brachte der «Tages-Anzeiger» unter dem Titel «Leichen im Keller des Professors» den Fall ins Rollen. Es folgten Anschuldigungen, Untersuchungen, Entlassungen, Gerichtsverfahren. Mörgeli sah sich als Opfer einer Mobbingkampagne. Und war fortan vielmehr mit seiner Verteidigung beschäftigt als mit seinem politischen Wirken. An beiden Fronten hat er letztlich verloren. Erst seinen Job als Leiter des Medizinhistorischen Instituts, nun auch sein Nationalratsmandat.

Der politische Abstieg begann indes nicht mit besagter Affäre, sondern mit einem Unfall: Im Dezember 2008 rammte Mörgeli in Stäfa ZH einen Lieferwagen. Die Rega musste den SVP-Nationalrat schwer verletzt ins Spital fliegen, erst nach acht Wochen konnte er die Klinik wieder verlassen. Doch danach war Mörgeli nur noch ein Schatten seiner selbst.

Dabei erlebte er noch ein Jahr zuvor einen politischen Höhepunkt. Nach der Absetzung des Bundesanwalts Valentin Roschacher stand der damalige Bundesrat Christoph Blocher mit dem Rücken zur Wand. Mörgeli rettete Blocher, indem er den angeblichen Komplottplan gegen den SVP-Bundesrat öffentlich machte. Blochers Abwahl konnte er dennoch nicht verhindern.