Carlos von Hamburg

Carloshamburg1Kampfsport als Therapie? Das kann funktionieren – Amir überfiel auf dem Hamburger Kiez einen Kiosk und verletzte den Besitzer schwer. Mit Boxen hat er sein Leben wieder in den Griff bekommen.

 

 

Die Nordwestschweiz / 9-4-2014 azm_20140509_78219_1_1

Mit Sturmmasken und Baseballschlägern stürmen sie in einen Kiosk in St.Pauli, Amir* und sein Kumpel. Sofort schlagen sie den Verkäufer nieder. Sie wollen alles mitnehmen: Zigaretten, Geld aus der Kasse, den Tresor. Der Verkäufer liegt bereits am Boden, doch sie schlagen weiter. Wieder und wieder. «Wenn wir jetzt nicht rausgehen, bringen wir ihn um», denkt sich Amir. Ohne grosse Beute fliehen sie aus dem Laden. Unweit vom Tatort geraten sie mit dem Fluchtwagen in die Polizeisperre. Amir wird wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Das war 2011. Heute ist er draussen, 25 Jahre alt und bereut seine Tat. Er will sein Leben ändern. Der Boxsport soll ihm dabei helfen.

Amir, Tunesier, in Hamburg geboren, im Schanzenviertel aufgewachsen. Er steht auf dem Bahnsteig am Berliner Tor, schaut hoch zum IBM-Gebäude. «Irgendwann dort oben als Manager, das wäre geil», sagt er. Unter seinem Arm klemmt eine von Blättern überquellende, durchsichtige Plastikmappe. In der Berufsschule hat er gerade eine Klausur geschrieben. «Ich möchte nicht in meiner Schicht bleiben, ganz unten in der Gesellschaft», sagt er, während sich sein Blick vom Hochhaus wieder zum Bahnsteig senkt. Im Sommer will er die Ausbildung zum Einzelkaufmann abschliessen. Danach Abitur nachholen, BWL studieren. «In sechs Jahren», sagt er, «wird die Tat aus den Akten gelöscht. Dann kann er noch einmal neu beginnen. Dafür kämpft er.

Gekämpft hat er eigentlich immer. Aber für die falschen Sachen: für Anerkennung, für den Respekt auf der Strasse, für sein Ego. Falsche Freunde, Drogendelikte, Körperverletzungen. «Wenn mir früher einer blöd gekommen ist, habe ich ihn bis nach Usbekistan gekloppt», sagt er. Heute kloppt sich Amir noch immer, aber nur im Ring. Von Provokationen lasse er sich nicht mehr hinreissen. Durch Boxen habe er auf einen besseren Weg gefunden.

Davon überzeugt ist auch Christian Görisch, der Geschäftsführer des gemeinnützigen Projekts Box-Out. Das Programm soll junge Straffällige zur Rehabilitation verhelfen. Görisch setzte sich denn auch vor Gericht für Amir ein, damit der nicht seine volle Strafe absetzen musste, damit er als Freigänger zum Boxen durfte. Vier Mal in der Woche trainiert Amir nun bei Box-Out. Das wurde in der Bewährungsauflage festgelegt. Und es funktioniert: «Er hält sich an Regeln, geht Streitereien aus dem Weg», sagt Görisch. Andere Massnahmen seien zuvor gescheitert. Aber auch die Härte der Haft sei wichtig gewesen, sagt Amir.

Im Gefängnis habe ein Umdenken eingesetzt. «Da will ich nie wieder hinein», sagt er, während er durch die Parkanlage Planten un Blomen schlendert. Entlang einem Teich, vorbei an spielenden Kindern. Hinter den Büschen biegt er ein in einen kleinen Pfad. Wie ein Fremdkörper steht hier eine hochragende Mauer: die Untersuchungshaft-Anstalt Hamburg. Ein altes, emporgeschossenes Backsteingebäude. Die Fenster sind kaum auszumachen. Etwas entfernt stellt sich eine junge Frau auf die Zehenspitzen, ruft etwas hinauf. Aus einem der Fenster schreit ein Gefangener herunter, nur Wortfetzen kommen an. Amir erinnert sich: Genau so habe er auch gesprochen, Freunde oder Familie standen unten. Ein penibler Wächter erwischte ihn. Zur Strafe musste er in die Isolationszelle: ein karger Raum mit hohen Decken, ganz oben ein vergittertes Fensterchen. Ständig brennt Neonlicht, im Boden ist eine Metallschüssel eingelassen, eine Holzbank dient als Bett. Keine Kissen, keine Bettdecke. Nichts. In der Wand eingeritzt steht: «Das hier ist die Hölle. Ich wünsche es nicht meinem schlimmsten Feind.» Dieser Spruch machte ihm Angst. Mit Hüpfen und Liegestützen suchte er Ablenkung. Nur nicht zu viel nachdenken. «Sonst kippst du aus den Latschen.»

Nach seiner Entlassung hätten ihn die Leiter von Box-Out direkt an die Hand genommen, sagt Amir. Von seinem alten Umfeld habe er sich entfernt. Früher zogen sie ziellos durch das Schanzenviertel, hingen im Autonomen Park herum. «Betreten auf eigene Gefahr», mahnt ein Schild am vergitterten Parkeingang. Drinnen ein Bolzplatz, Graffiti, zerborstene Fenster, abgewrackte Hauswände. Hier sei das Viertel geblieben, wie es war, sagt er. «Früher mussten wir neben herumliegenden Spritzen spielen, heute motzen die Mütter, wenn jemand in der Nähe raucht.» Früher sei man auf der Strasse kaum Leuten begegnet, heute reihen sich Bars an Cafés, Ateliers an hippe Fashionstores. Amir passt mit Trainerhose, Daunenjacke und Boxerfrisur nicht mehr so recht in sein eigenes zum Szeneviertel gewandeltes Quartier. Ab und an begegnet er alten Bekannten. Umarmung, drei Küsschen auf die Wange. Demonstrativ trägt er die Plastikmappe mit den Schulunterlagen – als sollte sie darauf hinweisen: Er hat sich geändert, er macht jetzt etwas Seriöses.

Christian Görisch will ihn für präventive Schulvorträge einsetzen. Vom Gefängnis soll er erzählen, von der Schwierigkeit, als Straftäter einen Job, eine Wohnung zu finden. Amir hat Glück, dass er bei seiner Mutter wohnen kann. Zu Hause tauscht er die Schulmappe gegen die Trainingstasche. Eine halbe Stunde später steht er im Boxgym. Angedickte Schweissluft, lauter Hip-Hop. Der Trainer schreit Kommandos. Springseile peitschen, Turnschuhe quietschen, an Metallträgern baumeln Sandsäcke. Amir macht die Liegestützen doppelt so schnell wie die anderen. Das Shirt klebt am Körper, schweres Schnaufen, breites Grinsen. Der Ernst ist aus seinem Gesicht gewichen. Dann Schattenboxen. Der Gegner: er selbst. Amir ringt mit dem Schatten seiner Vergangenheit. Es ist der Kampf in ein neues Leben.

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